Das ist schon eine Hoffnung

„Endlich ein Sommertag mit Sonne und gleißendem Licht. Zwischen Babylärm und polternden Russengesprächen aus der Nachbarschaft kommt die Kunde in den Garten, der uns nicht gehört: es ist in der Tat Waffenstillstand. Nirgendwo freilich regt sich ein Wunsch nach Festlichkeit. Müdigkeit und Resignation münden immer wieder in dem einen Wunsch, den Hunger zu stillen.

Die Urteile über Hitler werden massiver. Selbst die, die gutgläubig waren, und die, die Konjunktur hassen, beginnen jetzt zu explodieren. Sie sind aus einem Glauben gerissen, und ihr Zorn ist der Fluch über die Altäre, vor denen sie gestern noch gekniet haben, als sie die Wogen schon umspülten. Verbrecher … Nie ist ein Wort inbrünstiger gestammelt worden als von denen, die gestern wider besseres Wissen und Ahnung noch glauben wollten …

Still ist der Himmel geworden. Ab und zu knattert ein einsamer Doppeldecker über die zerbrochenen Dächer. Alarme, Fliegergefahren, Todesangst – das soll alles zu Ende sein? Erlöst, befreit aus dem ewigen, mehrjährigen Kellerdasein ins Licht des Friedenssommers zu steigen – so haben sich wohl viele diese Stunde vorgeträumt. Nun glaubt es niemand. Was so furchtbar alles um und um stülpte, zerwühlte, zerbrach, fraß – das kann nicht mit einer Feststellung, nun sei Schluß, zu Ende sein. Wir hören keine Fanfaren. Das Leid und die Not stehen riesengroß über den Salutschüssen des Friedens. Der Schatten von Hunger und „Was nun?“ fingern gieriger über die Seele der Betroffenen als die üppige Maisonne eines mehr als ungewissen Friedens.

Ein Vakuum gähnt. Ein Riesenschlund tut sich auf, aus dem nur die eigene Stimme, hohl und gespenstisch verzerrt, zurückschlägt. Nein, einen Taumel bringt der Friede nicht – eine Stille, aus der die Moderluft des großen Grabes steigt.

Wunderbar, daß Frühling ist; wunderbar, daß die Sonne scheint. .“

 

Tagebucheintrag zum 8. Mai 1945
aus
Die Stadt ohne Tod von Matthias Menzel
Berlin 1946, Carl Habel Verlagsbuchhandlung